Innerlich aufgedreht und zugleich erschöpf! ME/CFS-Chronische Erschöpfung-Long Covid
- Fritz Hemmerich
- 28. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Teil 1: Das Paradox, das dein Arzt nicht versteht
Warum du gleichzeitig total erschöpft und innerlich auf 180 bist
Du kennst dieses Gefühl. Du liegst im Bett, dein Körper fühlt sich an wie Blei. Jeder Knochen ist müde. Die Kaffeetasse auf dem Nachttisch – du hast sie gestern hingestellt, als du noch konntest. Jetzt ist sie zu schwer. Dein Arm hebt sich, greift nach ihr und lässt wieder los. Der Arm macht nicht mit.
Gleichzeitig rattert es in deinem Kopf. Dein Herz klopft, obwohl du nur daliegst. Du bist nervös, hellwach, überdreht – ohne einen Grund. Es fühlt sich an, als hätte jemand deinen Motor auf Vollgas gedreht, aber das Auto parkt. Der Tank ist leer, der Motor heult, und du gehst nirgendwohin.

Das ist das "tired but wired" Paradox. Erschöpft aber zugleich aufgedreht. Und es ist das definierende Merkmal von ME/CFS, Fibromyalgie, Long COVID und verwandten Erschöpfungskrankheiten.
Warum niemand dir glaubt
Wenn du zu einem Arzt gehst und sagst:"Ich bin total kaputt, aber gleichzeitig innerlich aufgedreht", dann sieht er dich an und denkt: Das ergibt keinen Sinn.
Müdigkeit? Das klingt nach Depression.
Nervosität? Das klingt nach Angststörung.
Beides gleichzeitig? Das klingt nach „alles in deinem Kopf“.
Die Tragödie ist: Für Jahrzehnte wurden Menschen mit diesem Widerspruch abgestempelt. "Sie sind ängstlich, deshalb sind Sie müde".
Oder schlimmer: "Sie bilden sich das ein". Diese Sätze legen eine Schicht von Scham auf echtes körperliches Leiden. Sie bewirken, dass du dich fragst, ob du dir das selbst antust.
Aber hier ist die Wahrheit, die langsam in der Wissenschaft ankommt: Das Paradox ist nicht psychologisch. Es ist nicht deine Einbildung. Es hat einen konkreten Ort in deinem Körper. Und dieser Ort hat einen Namen.
Der blaue Fleck in deinem Gehirn.
Tief im Hirnstamm, an der Basis deines Gehirns, gibt es eine winzige Ansammlung von Nervenzellen. Sie heißt Locus coeruleus – aus dem Lateinischen: "der blaue Ort". Der Name kommt daher, dass diese Zellen unter dem Mikroskop bläulich schimmern.
Wie klein ist klein? Etwa 15.000 bis 50.000 Neuronen auf jeder Seite. In einem Gehirn mit Milliarden von Neuronen ist das ein Staubkorn. Aber dieses Staubkorn ist mächtig.
Der Locus coeruleus produziert 70 bis 80 Prozent des gesamten Noradrenalins in deinem Gehirn. Noradrenalin – das ist der Stoff, den du wahrscheinlich mit Adrenalin verwechselst, dem Kampf-oder-Flucht-Stoff. Der "Pass auf, da kommt ein Bär"-Stoff.
Aber Noradrenalin bewirkt viel mehr als Panik. Es ist der Treibstoff für Aufmerksamkeit, für Wachheit, für die Regulierung deines Blutdrucks. Und – das ist wichtig – für die Unterdrückung von Schmerz.
Der Locus coeruleus ist wie ein Fluglotse für dein gesamtes Gehirn. Er entscheidet: Ist das hier eine Notfallsituation? Müssen wir in Alarmbereitschaft gehen? Oder können wir uns entspannen?
Der Tennisspieler und der Tiger
In einem gesunden Menschen hat dieser Fluglotse zwei verschiedene Modi.
Der erste ist der phasische Modus. Stell dir einen Tennisspieler vor, der auf den Aufschlag wartet. Er ist entspannt, wippt auf den Füßen, sein Geist ist klar. Aber sobald er den Ball sieht – Boom! Explosion von Aktion. Er holt aus, der Schlag ist vorbei, und dann? Er entspannt sich wieder. Zurück zum Wippen auf den Füßen. Das ist phasischer Modus:
Ruhig, aber bereit für Aktion, wenn nötig.
Der zweite ist der tonische Modus. Jetzt stell dir denselben Tennisspieler vor, aber er ist absolut überzeugt, dass jeden Moment ein Tiger auf den Platz springen wird. Er wippt nicht mehr. Er ist starr, seine Muskeln brennen, er scannt jede Ecke des Platzes. Er bewegt sich nicht, aber er verbrennt Energie wie verrückt. Das ist wie ein Auto, das in der Einfahrt parkt, aber dein Fuß ist auf dem Gas, und der Motor heult bei 5000 Umdrehungen. Du fährst nirgendwohin, aber du verbrennst den ganzen Treibstoff und überhitzt den Motor.
Und genau hier liegt der Kern der neuen Hypothese: Bei ME/CFS, bei Long COVID, bei chronischer Erschöpfung ist der Locus coeruleus in diesem hohen tonischen Modus gefangen. Er hat vergessen, wie er zurück in den entspannten phasischen Modus kommt. Die Alarmglocke klingelt 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche – auch wenn du im dunklen, ruhigen Zimmer liegst.
Das erklärt alles – und nichts
Das Modell erklärt, warum du dich wie unter Strom fühlst: Dein Alarmsystem schreit "Gefahr!", ständig, ohne Pause. Und es erklärt, warum du gleichzeitig erschöpft bist:
Der Motor läuft seit Jahren auf Hochtouren, die Reserven sind aufgebraucht. Aber es erklärt noch nicht, warum der Alarm überhaupt festhing. Warum schaltet er nicht ab? Warum bist du betroffen, und dein Nachbar, der genauso viel Stress hat, nicht?
Die Antwort führt uns in deine Vergangenheit. Vielleicht sogar in die
Vergangenheit deiner Großeltern.
Im nächsten Teil: Wie ein Alarmknopf schon gedrückt sein kann, bevor
du geboren wurdest – und warum das keine Schuldzuweisung ist,
sondern der Schlüssel zum Verständnis.




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